Andacht

Andacht über

Kolosser 1, 15

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.

Es ist eindrucksvoll und weltbekannt, das Gemälde von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom: „Die Erschaffung Adams“. Darin berühren sich der schlaffe Zeigefinger Adams und der energiegeladene, kraftvoll ausgestreckte Zeigefinger Gottes. Der himmlische Vater schwebt in einem weiten Mantel von einer Engelschar begleitet, während Adam lässig auf der Erde ausgestreckt liegt. Die Vorstellung, die der Künstler von Gott hat, ist verständlich, aber falsch und eigentlich unzulässig.

„Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist“ (5. Mose 5, 8). Gott will mit dieser Anweisung den Menschen davor bewahren, ein Bild anzubeten. Denn Gott will, dass wir ihn „im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Johannes 4,23).

Menschen müssen zum Denken immer eine Vorstellung von dem haben, über das sie nachdenken, ein Abbild im Geiste von dem, womit sich ihre Gedanken beschäftigen. Das geht auch dem Jünger Jesu so, von dem uns der Evangelist Johannes berichtet. „Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns. Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Johannes 14, 7ff).

„Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ schreibt der Apostel Paulus an die Menschen in Kolossä, unsern Monatsspruch. Jesus hat die Gemeinschaft mit dem Vater vorübergehend aufgegeben und ist auf die Welt gekommen, um alle Hindernisse zwischen seinem himmlischen Vater, zwischen Gott, und den Menschen auszuräumen. Denn es ist ein gefährlicher Irrweg, wenn Menschen über Gott nachdenken. Sie machen sich schnell ein – stets falsches! – Bild von ihm. Egal, ob sie sich nun den „lieben Gott“ oder den zornigen, den schweigenden oder den toten Gott vorstellen oder welchen auch immer.

Jesus weist uns darauf hin, wie wir den richtigen Zugang zu Gott finden. „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Matthäus 18, 3). Das uneingeschränkte Vertrauen des kleinen Kindes in seine Mutter, in seinen Vater ist das Vorbild für unser Verhältnis zu unserem himmlischen Vater. Wie sollen ihn nicht erst bedenken wollen, ihn betrachten oder prüfen – nein, wir sollen ihm ohne Vorbehalt vertrauen.

Denn sein ganzes Handeln ist geprägt von seiner Liebe zu uns. Und diese Liebe lebt uns Jesus vor. All sein Handeln ist davon geprägt, Selbst seine Auseinandersetzungen mit den Pharisäern (vgl. z.B. Lukas 11, 37ff, besonders 52). Und schließlich sein Tod am Kreuz (Johannes 15, 13).

Und Jesus macht deutlich, dass er mit seiner Liebe weitergibt, was er vom Vater empfangen hat. „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“ (Johannes 15, 9). Und mit jeder Heilung, jedem Gleichnis, all seinem Tun gibt Jesus diese Liebe vom Vater weiter. Jeder kann es sehen, jeder kann es begreifen.

Jesus fordert uns alle auf, seinem Vorbild zu folgen: „Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt“ (Johannes 15, 17). Folgen wir ihm!

Ulrich Lorenz, Berlin